Wiederverwendung im Eisenlager
Beim Atelierwohnen im ehemaligen Eisenlager gehen wir bewusst einen anderen Weg: Wir arbeiten mit dem, was schon da ist. Die Dachkonstruktion bleibt, Fassadenelemente bekommen ein zweites Leben, Heizkörper, WCs und Waschbecken ebenso. Klingt unspektakulär – ist aber ziemlich wirkungsvoll.
Denn die Zahlen dahinter sind alles andere als klein: Knapp 85 % des gesamten Abfallaufkommens in der Schweiz sind Bauabfälle. Hochgerechnet entspricht dies pro Jahr mehr als 1’000 grosse Fussballstadien voll mit Bauschutt. Gleichzeitig verschlingt die Herstellung von Baumaterialien weltweit etwa die Hälfte des gesamten Rohstoff- und Materialverbrauchs und verursacht rund 10 bis 12 % der CO₂-Emissionen. Der Bausektor ist damit einer der zentralen Hebel, wenn es um Klimaschutz geht.
Wo reUse ansetzt
Im Betrieb von Gebäuden hat sich in den letzten Jahren viel verbessert. Ein Neubau, der heute mit erneuerbarer Energie läuft, verursacht über seinen Lebenszyklus nur noch etwa 20 % der Emissionen im Betrieb. Der grosse Brocken entsteht anderswo: beim Abbruch und beim Neubau selbst. Genau da setzt ReUse an. Denn in vielen Bauteilen steckt bereits mehr Energie, als ein effizienter Betrieb je einsparen kann.
ReUse passiert dabei nicht einfach nebenbei: Bauteile werden sorgfältig ausgebaut, geprüft, zwischengelagert und neu eingeplant. Was passt, wird integriert – was nicht, weitergegeben. So entsteht ein Prozess, der eher kuratiert als ersetzt.
Grösster Hebel
Eigentlich ist das Prinzip alles andere als neu – gerade in der Zentralschweiz hat das Wiederverwenden von Bauteilen Tradition. Wer alte Bauernhäuser anschaut, sieht schnell: Hier wurde über Generationen hinweg umgebaut, angepasst, wiederverwendet – oft bis in die Tragstruktur hinein. Neu ist höchstens, dass wir beginnen, darin auch eine gestalterische Qualität zu sehen. ReUse ist nicht nur pragmatisch, sondern kann auch architektonisch eine klare Haltung zeigen.
Oder, wie es die Basler Architektin Barbara Buser auf den Punkt bringt: Klimaschutz beginnt mit der Frage, ob man überhaupt neu bauen muss. Der grösste Hebel liegt im Bestand – und im Mut, das Vorhandene wertzuschätzen.
Genau diesen Mut nehmen wir uns an der Industriestrasse 11a. Ja, ReUse ist manchmal aufwendiger. Es braucht mehr Abstimmung, mehr Flexibilität, manchmal auch mehr Geduld. Aber dafür bleibt graue Energie erhalten, Materialkreisläufe werden verlängert – und das Gebäude erzählt am Ende mehr als nur seine neueste Geschichte.