Wohnwerk Luzern

Text von Harry van der Meijs im 041 – Kulturmagazin

 

 

New City Luzern

Im neunzehnten Jahrhundert als schachbrettartige Stadterweiterung geplant, wird die Neustadt heute von zig Pendlern und Touristenbussen als eher lästiges Hindernis auf dem Weg an den Bahnhof oder in die Altstadt durchquert. Dabei kann sie in der hiesigen Stadtentwicklung eine Vorreiterrolle einnehmen.

 

Für viele Luzernerinnen und Luzerner ist die Neustadt in den letzten Jahrzehnten zum zeitgenössischen und lebendigen Co-Zentrum der Altstadt geworden. Hier wird gewohnt, gearbeitet und man verweilt bei Speis und Trank in den zahlreichen Restaurants, Beizen und Take-aways aus aller Welt. An jeder zweitens Ecke können sich Frau und Mann die Haare gleich zweimal schneiden, färben und föhnen lassen, um sich anschliessend ins benachbarte Nachtleben zu stürzen. Hier und da gibt es sie aber noch – zuweilen versteckt in Innenhöfen –, die lauschigen, kleinen, originalen Läden, Ateliers und Werkstätten, die der fortschreitenden Gentrifizierung trotzen. Täglich durchquere ich die Neustadt mehrmals radelnd auf meinem metallisch grünen Papalagi vom Hintermusegg her vor-bei am Barbès in mein Architekturatelier an der Industriestrasse und frage mich, was die vielen doppelt parkierten SUVs, Boliden und Lieferwagen mit der kürzlich erfolgten Neugestaltung in der Winkelriedstrasse zu tun haben könnten. Manchmal erzeuge ich selber ein wenig mehr MiV, die VCS- und Tiefbauamtssprache für motorisierten Individualverkehr. Cruisend durch die vielen Tempo-30-Strassen und auf den wenigen 50er Boulevards mit den Ramones oder «White Trash Beautiful» laut in den Speakern des weissen Citroën XM Turbo CT, der letzten eigenwillig schönen Limousine mit Hydropneumatik aus dem Jahr 1994, designt von Bertones Giorgietto Giugiaro. Die Luft über dem Victoriaplatz vibriert, ich stehe an der Ampel vor der Ravioli Bar. Zu Fuss bin ich unterwegs auf dem Helvetiaplatz für einen Kaffee im Salü oder im Vögeligärtli, wo ich mich an der Renovation der Zentralbibliothek und den grossen, alten Bäumen erfreue. Solche Plätze braucht es in der Neustadt als gefestigte Orte der Öffentlichkeit.

 

Learning from Tokyo

Auch bei der Lukaskirche mit ihrem Pfarreizentrum als Zeitzeugin des protestantischen Modernismus ist eine Erneuerung und sanfte Transformation im Gange. Dieses Vorgehen könnte wegweisend werden. Einerseits für den Erhalt einiger wertvoller spätmodernis-tischer Bauten und solchen aus den 1970ern, die die erhaltenswerte Bausubstanz aus der Gründerzeit einerseits aufmischen, anderseits eine kontinuierliche Transformation andeuten. Das Neubad zieht mit innovativem Programm, Nutzungen für das Quartier, Authentizität und der Grosszügigkeit seiner brutalistischen Architektur die Generation X, Hipsters wie Junggebliebene en masse ans Ende der Neustadtstrasse.

Wenn sich Gebäude transformieren, bleibt in Tokyo die Nutzungsform erhalten. Bild: zvg Nun führt die abl die Neustadt weiter, über die Bundesstrasse ins Himmelrich3. Eine grosszügige genossenschaftliche Siedlung entsteht, mit durchmischtem Wohnen am Innenhof, Nachbarschafts-hilfeprojekten sowie einem Boulevard mit Läden und Cafés. Solche offenen Ideen und Konzepte wären gefragt für die Entwicklung der restlichen Brachen – etwa den Parkplätzen hinter Goofy & Regular an der Moosstrasse. «Learning from Las Vegas» ist eines der bekanntesten Bücher über moderne Architektur und Städtebau. Für die Zukunft wenden wir unseren Blick fast selbstverständlich in den Westen. Die Modernität in den Staaten scheint uns weit voraus zu sein. Generell neigen wir im Abendland und speziell im Alpenraum Mitteleuropas dazu, Authentizität und Erhaltenswertes mit alten Bauten, Backsteinen und Denkmälern zu verbinden. Hier wäre ein «Learning from Tokyo» angebracht, wo der Fokus auf dem Ort und seiner Nutzung liegt. Ein interessanter Ansatz für eine zukünftige Entwicklung der Neustadt: Die Gebäude transformieren sich oder werden nach Ablauf ihres Lebenszyklus ersetzt, die Nutzungen bleiben. Damit könnten das durchmischte urbane Wohnen, die Ateliers, Werkstätten, kleinere Läden und Beizen oder das, was die Identität und den Charakter dieses zentralen Quartiers ausmacht, langfristig gesichert werden.